ZEV im Bestand: Warum erst 20 Prozent des Potenzials genutzt sind
Wo steht die Schweiz beim Eigenverbrauch?
Das ZEV-Potenzial in der Schweiz ist heute höchstens zu einem Fünftel ausgeschöpft. Ende 2025 waren in der Schweiz knapp 9,5 Gigawatt Photovoltaik installiert. Das ist gut ein Viertel des Ausbauziels für 2050.
«Ich schätze, dass wir das ZEV-Potenzial in der Schweiz heute erst maximal zu 20 Prozent ausgeschöpft haben – da liegt noch ein enormes Ausbaupotenzial vor uns.» — Tobias Stahel, Geschäftsführer Smart Energy Link, in der «Schweiz am Wochenende»
Der Unterschied zwischen Neubau und Bestand ist gross. Im Neubau planen Fachplanerteams den ZEV von Anfang an mit. Bei bestehenden Gebäuden, bei virtuellen ZEV und bei lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) steht die Schweiz erst am Anfang.
Warum kommt der Bestand jetzt in Bewegung?
Zwei Entwicklungen machen den Eigenverbrauch im Bestand attraktiver: das neue Stromgesetz und sinkende Rückliefervergütungen.
- Mantelerlass: Mit den neuen Rahmenbedingungen des Stromgesetzes steigen Druck und Interesse bei bestehenden Gebäuden deutlich. Seit 2026 ermöglicht zudem die LEG, lokal erzeugten Strom innerhalb derselben Gemeinde über das öffentliche Netz zu teilen – mit reduzierten Netznutzungstarifen.
- Tiefere Rückliefervergütungen: Wer Solarstrom ins Netz einspeist, erhält dafür immer weniger. Jede Kilowattstunde, die im Gebäude selbst genutzt wird, ist deshalb mehr wert.
Für Mietende lohnt sich das ebenfalls. ZEV-Strom muss von Gesetzes wegen günstiger sein als der Strom aus der lokalen Grundversorgung. Gleichzeitig steigert ein ZEV den Wert der Immobilie und sichert eine solide Rendite der PV-Anlage über die gesamte Betriebsdauer.
ZEV, vZEV oder LEG – was passt zu Ihrem Projekt?
Als Faustregel gilt: ZEV beim Neubau, vZEV bei bestehenden Gebäuden und Nachbarschaftslösungen über mehrere Gebäude. Die LEG erweitert den Radius auf die ganze Gemeinde.
Tabelle seitlich scrollen, um alle Spalten zu sehen.
| Modell | Typischer Einsatz | Messung und Anschluss | Rolle der Eigentümerschaft |
|---|---|---|---|
| ZEV | Neubau, Mehrfamilienhaus, Areal | Gemeinsamer physischer Netzanschlusspunkt, private Unterzähler pro Nutzungseinheit | Betreibt den ZEV und rechnet ab, selbst oder über einen Dienstleister |
| vZEV | Bestand, mehrere Gebäude in der Nachbarschaft | Kein gemeinsamer physischer Anschlusspunkt nötig; Teilnehmende im selben Trafokreis, Messung über Smartmeter des Netzbetreibers | Wie beim ZEV, mit zusätzlicher Koordination mit dem Netzbetreiber |
| LEG | Produzierende und Verbrauchende in derselben Gemeinde | Öffentliches Verteilnetz, reduzierter Netznutzungstarif | ZEV und vZEV können an einer LEG teilnehmen |
Welches Modell passt, hängt vom Bauprojekt ab. Bei SEL klären wir das jeweils zu Beginn mit der Eigentümerschaft und dem Planungsteam. Einen ausführlichen Vergleich aller Betreibermodelle, inklusive Praxismodell des Netzbetreibers, finden Sie in unserem Beitrag Betreibermodelle im Vergleich .
Was macht einen ZEV wirtschaftlich?
Die Rendite hängt weniger von der Grösse der Anlage ab als von einem hohen Eigenverbrauchsgrad. Zwar erwirtschaften PV-Anlagen Erträge im Rappenbereich pro Kilowattstunde. Bei grossen Anlagen fallen die fixen Projektkosten weniger ins Gewicht. Doch die Rendite hängt vor allem davon ab, wie viel Solarstrom direkt im Gebäude genutzt wird.
Wer als Eigenheimbesitzerin oder Eigenheimbesitzer mit dem Verkauf von Strom an die Nachbarschaft rechnet, sollte die Erwartungen realistisch halten. Ein ZEV wird umso wirtschaftlicher,
- je tiefer die Gestehungskosten des Solarstroms sind,
- je tiefer die Initial-, Mess- und Dienstleistungskosten sind,
- je höher der Strompreis ist.
Tarifberechnung: der häufigste Stolperstein
Die Tarifberechnung im Mehrfamilienhaus oder Quartier ist komplex, obwohl das Gesetz sie regelt. Es lässt verschiedene Berechnungsarten und Tarifmodelle zu. Das macht die Wahl des Modells und die exakte Berechnung anspruchsvoll.
«Neben der Formel geht es auch um die mietrechtliche Akzeptanz und Transparenz. Gegenüber den Mietenden muss das Versprechen der niedrigeren Nebenkosten gehalten werden.» — Tobias Stahel
Eine transparente, nachvollziehbare Abrechnung schafft Vertrauen bei Mieterinnen und Mietern und entlastet die Bewirtschaftung. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag zur ZEV-Abrechnung (Link einsetzen).
Checkliste: Was Sie vor dem Projektstart klären sollten
«ZEVs sind ein Betriebsmodell.» — Tobias Stahel
Die Anforderungen an den Betrieb gehören deshalb schon in die Projektplanung. Klären Sie vorab diese fünf Fragen:
- Was treibt Sie an? Erneuerbare Stromproduktion, Autarkie, Rendite, tiefere Stromkosten oder die PV-Pflicht.
- Wie soll der ZEV betrieben werden? Selbst, mit der Bewirtschaftung oder durch einen Dienstleister.
- Wie wird abgerechnet? Tarifmodell, Messkonzept, Rechnungsstellung und Inkasso.
- Was gehört dazu? Batteriespeicher, Elektromobilität, Heizkostenabrechnung.
- Welche finanziellen Ziele gelten? Rahmenbedingungen, Investitionsbudget, erwartete Rendite.
Viele Portfoliobesitzende ziehen früh einen ZEV-Dienstleister bei, der ihre Interessen direkt im Planungsteam vertritt. So entsteht eine technische Lösung, bei der die PV-Produktion auf den Verbrauch abgestimmt ist, Flexibilitäten wirtschaftlich genutzt werden und das Betriebsmodell schlank bleibt.
Häufige Fragen
Lohnt sich ein ZEV in einem bestehenden Mehrfamilienhaus?
In vielen Fällen ja. Entscheidend ist ein hoher Eigenverbrauchsgrad. Mit sinkenden Rückliefervergütungen wird jede selbst genutzte Kilowattstunde wertvoller. Mietende profitieren, weil ZEV-Strom günstiger sein muss als der Strom aus der Grundversorgung.
Was ist der Unterschied zwischen vZEV und LEG?
Ein vZEV verbindet Gebäude im selben Trafokreis, ohne gemeinsamen physischen Anschlusspunkt; gemessen wird über die Smartmeter des Netzbetreibers. Eine LEG nutzt das öffentliche Verteilnetz innerhalb derselben Gemeinde und profitiert von reduzierten Netznutzungstarifen.
Ist ein ZEV für Eigenheimbesitzende sinnvoll?
Der Ertrag aus dem Stromverkauf an Nachbarn ist bei kleinen Anlagen bescheiden. Die Wirtschaftlichkeit hängt weniger von der Grösse als vom Eigenverbrauch und den Kosten für Messung und Dienstleistung ab.
Wann sollte ich einen ZEV-Dienstleister beiziehen?
Möglichst früh in der Projektplanung. Dann lassen sich Technik, Messkonzept und Betriebsmodell aufeinander abstimmen.
Sie planen einen ZEV, vZEV oder eine LEG im Bestand? Wir beraten Sie von der ersten Abklärung bis zum Betrieb.
Quellenbox
Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel «Erst rund einen Fünftel des Potenzials ausgeschöpft» von Marcel Habegger, erschienen in der «Schweiz am Wochenende» (CH Media), Beilage Energietrends, 24. Oktober 2026.